Technikschlacht – oder: Wie die Kamera dich nach vorn bringt

Wer gerne und viel fotografiert, der kennt das: Er wird angesprochen auf seine Spiegelreflexkamera. Was sei das denn für ein Modell, und welches Objektiv, und was ist das für tolles Zubehör, er sei deshalb sicher ein sehr guter Fotograf. Wer jedoch eine mit neuestem Lotoseffektmaterial beschichtete Antihaft-Bratpfanne besitzt, wird hingegen nicht darauf angesprochen, was für ein guter Koch er wohl sein müsse. Es ist eine Binsenweisheit, dass eine gute technische Ausstattung noch lange keine guten Bilder garantiert, denn es gibt da ja noch jemanden, der im richtigen Moment auf den Auslöser drückt und die Kamera in die richtige Richtung hält – und vielleicht hat er ja sogar einige technische Parameter bewusst auf die Situation abgestimmt.

Korrekt ist, dass manche Kameras gewisse Arten von Bildern überhaupt erst ermöglichen. Im Fotostudio wird normalerweise eine Blitzanlage ausgelöst – dies erfordert üblicherweise einen Blitzschuh. Für schnelle, unerwartete Schnappschüsse wird ein höllisch schneller Autofokus benötigt. Kompaktkameras holen zwar auf, erwischen die Situation aber oft immer noch eine Viertelsekunde zu spät. Sie sind hingegen sehr gut geeignet für Detailgroßaufnahmen („Makro“ im landläufigen Sinne), weil die mit ihnen gemachten Fotos wegen der kleineren Bildsensoren einen größeren Schärfebereich aufweisen. Zur nachträglichen Bildoptimierung am Computer bringen wiederum „größere“ Kameras bessere Voraussetzungen mit.

Jeder der Kameratypen ist geeignet, wunderschöne Bilder zu fabrizieren. Der ambitionierte Fotograf weiß das und ist deshalb durchaus nicht immer mit seinem „großen Besteck“ unterwegs, sondern weiß auch, Kompaktkameras für seine Zwecke zu nutzen, und die Fotoindustrie wird nicht müde, immer variantenreichere Fotoapparate in die Läden zu bringen, damit auch wirklich jedermann immer und ständig fotografieren kann und dabei tolle Bilder erhält.

Der ambitionierte Fotograf freut sich über Mitfotografierende, empfindet vor ihm in die Höhe gereckte Hände mit Kameras und Smartphones als Bildmotiv allerdings meist als störend und kann sich deshalb eines Tricks bedienen:

Man nehme eine Kamera mit möglichst großem Gehäuse und ein möglichst voluminöses Objektiv, wohlgemerkt kommt es nicht darauf an, ob das eine oder das andere nun besonders hochwertig ist. Ein Blitzgerät aus der Oberklasse, garniert mit einem wichtig aussehenden Softbox- oder Lightdome-Aufbau zusammen mit weiteren Accessoires, die das Gesamtkameragebilde möglichst kompliziert aussehen lassen, z.B. Winkelschiene, Reflektor, Abschattierer, tun ihr Übriges, um vor allem Eindruck zu schinden.

Wenn man dann beim Seifenkistenrennen, vor der Dance Contest-Bühne, vor der Tür des Standesamtes etc. etc. eine optimale Position erkämpfen möchte, um das Hauptmotiv zu erheischen …nun, dann hilft einem diese Konstruktion durchaus, Platz zu machen und sich Respekt zu verschaffen. Manche der umstehenden Zuschauer weichen dann sogar unweigerlich und ganz unbewusst aus. Und wenn da trotzdem immer noch mehrere Fotografen stehen, ratet mal, in welches der Objektive die Akteure wohl am wahrscheinlichsten schauen werden?

Solange es sich nicht gerade um massiv populäre Events wie ein Livekonzert einer berühmten Band oder den roten Teppich bei einer hollywoodartigen Filmpremiere handelt, auf denen zig derartig ausstaffierte Fotografen sogar mit vorheriger Akkreditierung um den besten Fotografierwinkel rangeln, kann diese Vorgehensweise auf kleineren Veranstaltungen aber sogar für einen ambitionierten Hobbyfotografen ganz gut klappen.

Per Technikschlacht den „Chef“ mimen – eigentlich schade, dass das überhaupt so klappt, denn man muss das wohl eher als unmoralisch einstufen, und deshalb sollte man davon nur spärlichen Gebrauch machen und zumindest das mitgeschleppte Zubehör halbwegs sinnvoll einsetzen können, damit es wenigstens auch einen praktischen fotografischen Nutzen hat.

Gegen das Verwackeln

Manchmal sind Bilder mit eigentlich schönen Motiven leider verwackelt. Damit das nicht passiert, braucht man nicht gleich eine große Profikamera, sondern man kann auch so einiges dagegen tun. Eigentlich gelten diese Tips genauso für Profikameras wie für Kompaktknipsen und sogar für Handys.

Daumenregel. Je näher man heranzoomt, desto schwieriger ist es, das Bild ruhig zu halten. Es kann also etwas bringen, mit den Füßen näher heranzugehen und mit der Kamera weniger zu zoomen. Für die alten Kameras mit dem Dosenfilm konnte man grob über den Daumen gepeilt sagen, die Belichtungszeit sollte dem Kehrwert der Brennweite oder kürzer betragen, damit man das Bild nicht verwackelt. Wer das selber ausrechnen möchte, sollte mit dem 35mm-Äquivalent der Brennweite oder alternativ mit dem Cropfaktor rechnen, aber viele digitale Kompaktkameras machen das schon von sich aus und blenden ein Symbol ein, das auf die Verwacklungsgefahr hinweisen soll. Wenn man so ein Symbol sieht, sollte man es ernst nehmen und sich mal umschauen, ob man einen der weiteren Tips hier anwenden kann.

(Mini)stativ. Mit Kompaktkamera wird man wohl eher kein großes Stativ dabeihaben, aber es gibt auch kleinere Ausgaben, die man jederzeit in der Jackentasche dabeihaben kann und die man auf einem Tisch oder sonstwie erhöhten Fläche platzieren kann. Ganz besonders spezielle Ministative kann man sogar ständig unter die Kamera geschraubt lassen und hat sie so immer dabei. Mit dem Stativ kann man die Kamera wirklich vollständig ruhig aufstellen und sogar Fotos machen, die mehrere Sekunden lang belichten müssen. Bei mehreren Sekunden sollte sich das Motiv allerdings nicht bewegen, sonst verwischt es, oder man nutzt so eine Verwischung als besonderen Effekt.

Abstützen. Wichtig ist doch nur, dass sich die Kamera nicht bewegt. Wenn gerade kein Stativ zur Hand ist, warum sie nicht einfach gegen eine feste Oberfläche drücken? Natürlich so, dass sie nicht wackelt! Zum Beispiel einen Laternenpfahl, oder es gibt sicher auch noch viele andere feststehende Dinge drinnen und draußen, die man dafür verwenden kann.

Beanbag. Foto-Profis haben angeblich oft einen Bohnenbeutel dabei. Er soll dafür gut sein, dass man die Kamera so in ihn hineindrücken kann, dass sie nicht unbedingt parallel zu einer Tisch- oder sonstigen Oberfläche stehen muss, sondern ähnlich wie bei einem Stativ auch einen Winkel einnehmen kann. Unvorbereitet wird sich vielleicht eher selten etwas finden lassen, dass man als Ersatz-Beanbag hernehmen kann, aber vielleicht hat man ja Glück…

Der alte Seilchentrick. Sollte man eine halbwegs stabile Schnur auftreiben können, stellt man sich mit den Füßen auf sie und drückt die Kamera nach oben gegen die Schnur ab. Immer noch etwas wackelig, aber die Spannung nach oben verleiht dennoch eine gewisse Stabilität, die vielleicht schon ausreicht, um das Foto nicht zu verwackeln.

Zu guter Letzt: Wenn man die Kamera für eine Langzeitbelichtung ohnehin fest irgendwo hinlegt oder auf ein Stativ montiert hat, kann das Drücken des Auslösers bereits eine gewisse Erschütterung bewirken, die das Bild leicht verwackeln lässt. Bei Profikameras kann man einen Fernauslöser benutzen, um das zu vermeiden, aber es geht auch genial viel einfacher mit der Selbstauslöse-Verzögerung: Einfach den Selbstauslöser aktivieren, Auslöser drücken, und man hat dann sogar noch ein paar Sekunden Zeit, um die Kamera perfekt stabil auszurichten.

„Reck dich mal“

Das ist einer meiner häufigsten Sprüche bzw. wichtigsten Anweisungen: „Reck dich mal. Aus dir selbst heraus. So aus der Wirbelsäule.“ Das bezieht sich aufs Posieren bei „normalen“ Mitmenschen. Bei fortgeschrittenen Fotomodellen ist das natürlich anders, denn sie haben sich mit viel Übung angeeignet, immer gerade in dem Moment, wenn der Fotograf die Kamera „im Anschlag“ hat, eine bestimmte Körperspannung aufzubauen, sodass man sie nur sehr selten daran erinnern muss.

Bei Fotomodellen, so wurde es mir erklärt, gibt man am besten klare, knappe Anweisungen ohne großes Drumherumreden, sogar von einem höflichen „bitte“ wird manchmal abgeraten: „Hüfte etwas zurück. Rechte Schulter zu mir drehen. Kopf nach vorn, leicht neigen.“ Das wird so prompt befolgt, selbst wenn man mal eine „falsche“ Anweisung gegeben hat, sieht es immer gut aus, und man wird schnell fertig.

Diese Übung haben „normale“ Mitmenschen nicht. Um ihnen beim Posieren zu helfen finde ich es spannender, wenn sie sich in eine Haltung begeben, die ihnen angenehm und vertraut ist, und ich gebe dann eher sehr wenige Anweisungen. Zum einen braucht es oft so viele Worte, um die Unterschiede, was man mit drehen, neigen, vorne/hinten und oben/unten im genauen Detail meint, beiderseitig zu klären, dass man darüber manchmal fast die Grundkonstruktion der Pose vergessen hätte. Zum anderen steigt dadurch die Verunsicherung, und das würde dem Foto wesentlich mehr schaden, als wenn eine Pose nicht vollständig bis ins letzte Ende den Vorstellungen des Fotografen entspricht.

So ein gelegentliches „Reck dich mal“ lockert ungemein auf und baut die so wichtige Körperspannung wieder an der richtigen Stelle auf, nämlich von der Körpermitte her. Es ist ja nicht so, dass man vor der Kamera schlunzig in sich zusammensackt, aber wenn man sich so ein wenig nach oben reckt, ergibt es eben wieder so ein gewisses Finish.

Als ich die beiden folgenden Bilder von einem Shooting aus diesem Sommer verglichen habe, dachte ich deshalb gleich an diesen klitzekleinen Unterschied in der Körperhaltung. Die beiden Fotos unterscheiden sich so wenig, dass man es kaum sieht, wenn man sie bloß nebeneinander hält. Aber es gibt noch ein zweites unterschiedliches Detail.

Blättert man nämlich direkt beide Bilder übereinander, sieht man außer dem ganz geringen Unterschied in der Haltung auch noch, dass sich die Perspektive ein wenig ändert: Offenbar hatte ich das zweite Bild aus etwas niedrigerer Position fotografiert. Beide gefallen mir sehr gut, das zweite einen kleinen Tacken besser.

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„Reck dich mal“ beibt wichtig. Es hat mich aber durchaus etwas überrascht, wie bei diesem Bilderpaar auch die Perspektive mit hineingespielt hat.

Guck mal (nicht) aus’m Fenster

Du möchtest Menschen fotografieren? Portraits? Super! Ab ins Fotostudio: Hauptlicht, Aufhelllicht, Haarlicht gemäß Lehrbuch aufstellen und ausmessen, das Model korrekt positionieren, und -zing!- das ergibt ein tolles Foto mit wunderbar hellem Gesicht ohne zu dunkle Schatten und einem schönen, aber nicht übertriebenen Glanz auf den Haaren. Aber sind das eigentlich künstliche Effekte?

Diejenigen von euch, die der Fotografie nicht beruflich nachgehen, sondern einen Normalo-Bürojob ausüben, haben vielleicht eine Chance, eine besondere Beobachtung zu machen. Sicherlich kann man das, was ich gleich beschreiben werde, auch in anderen Kontexten beobachten – für mich selbst war es allerdings eine ganz besonders öde Konferenzraum-Meetingsituation, in der sich mir geradezu ein Aha-Effekt aufdrängte.

Wenn du einen Konferenzraum betrittst, nimm keinen Platz mit dem Rücken zum Fenster, sondern suche dir deinen Platz möglichst gegenüber der Fensterfront und nicht zu nahe beim Moderator oder anderen Kollegen, die voraussichtlich größere Redeanteile haben werden. Das Ziel ist, die Kollegen, die dir gegenüber sitzen unaufdringlich in Blick zu behalten. Offensichtlich ist dies recht leicht, wenn ihr Blick zum Moderator bzw. zum Vortragenden in eine andere Richtung geht.

Wenn du Glück hast, ist vielleicht gerade ein wechselhafter (Frühlings-) Tag, an dem es draußen mal sehr hell ist, mal recht dunkel und an dem auch mal die Wolken so interessant die Sonne verdecken, dass draußen zwar ein wunderschönes Leuchten entsteht, aber dennoch zu wenig vom Tageslicht in den Konferenzraum flutet und ein Kollege deshalb die Innenbeleuchtung einschaltet.

Dies ist die perfekte Umgebung, um sich selbst mal klarzumachen, was eigentlich all das verschiedene Licht ausmacht. Achtet dann mal darauf, wie welches Licht wo herum um die Köpfe Eurer Kollegen fließt, wann aus welchem Licht ein bisschen Haar-Glanz entsteht und wie sich überall sonst noch hell/dunkel-Partien verteilen bzw. wie genau sich die Helligkeit der Gesichter im Verhältnis zum Hintergrund verändert, wenn die Deckenbeleuchtung im Raum eingeschaltet wird im Gegensatz zu den bloßen Tageslichtreflektionen an den weißen Wänden, solange das Raumlicht ausgeschaltet war. Es ist schwer in Worten auszudrücken und vielleicht ist Euch das alles ja schon klar gewesen, bevor Ihr ins Fotostudio gegangen seid, aber man sollte es ruhig mal gesehen und wirklich darauf geachtet haben, und dafür fand ich so ein langweiliges Business-Meeting gerade richtig.

Hat man einmal den Dreh raus, auf welche Licht/Schatten-Flüsse man achten könnte, ist es überraschenderweise gar nicht mehr so schwierig, auch viele andere alltägliche Situationen zum „Sehen üben“ zu verwenden, und man erkennt vielleicht ebenfalls einige Funktionen der drei klassischen Lehrbuch-Studiolichter wieder. Vielleicht kommt man drauf, ob sich das, was man im Studio herbeizuführen versucht, einfach nur aus natürlichen Lichtgegebenheiten ergibt, wenn man sie ein wenig idealisiert…?

Wenn knallrot farblos bleibt

Ziemlich offensichtlich, dass bei einem Schwarzweißbild die Signalfarben fehlen. Als ich mich mit diesem Foto ein wenig auseinandergesetzt habe, ist mir das ganz besonders aufgefallen.

Weit geöffnete Rosenblüte - schwarzweiß

In dieser schwarzweißen Variante wirkt die weit geöffnete Blüte vor allem durch den Kontrast, dass sich die dunkle Form vor den hellen Hintergrund schiebt, und natürlich wird das durch die Geometrie der einzelnen Blütenblätter unterstützt.
Dass nach oben hin irgendetwas aus dem Bild herausragt, nimmt man zwar wahr, es stört aber den Gesamteindruck nicht wesentlich. Im Gegenteil, als Betrachter verweilt man vielleicht sogar eher noch auf einem Bezug von der Blüte im Vordergrund zum Baum im Hintergrund, was bildanaysemäßig möglicherweise sogar auf ein paar im Bild versteckte Diagonalen zurückzuführen sein könnte.

Ganz anders in Farbe:

Weit geöffnete Rosenblüte - in Farbe

In kräftigem knallrot schiebt sich die Blüte sehr viel stärker in den Vordergrund, und der Blick wandert unmittelbar zu dem, was nunmehr eindeutig als eine geschlossene Rosenknospe zu erkennen ist, aber in diesem Fall stört es so sehr, dass dieses Detail so ungünstig abgeschnitten ist, dass man unweigerlich meint, das Bild sei falsch fotografiert, und man hätte eigentlich einen anderen Bildausschnitt (höher) oder eine andere Perspektive (von tiefer aus) wählen müssen.
Vielleicht hat es zusätzlich sogar damit zu tun, dass hier im farbigen Bild der Bezug zwischen dem Baum und der geöffneten Blüte wesentlich schwächer ist, denn unweigerlich springt der Blick immer wieder zur Signalfarbe zurück.

Schaue ich von hier aus noch einmal zurück zum Schwarzweißbild, so erkenne ich auf ihm nun deutlicher, um was es sich bei dem nach oben herausgragenden Etwas handelt, jedoch finde ich, dass es mich auf dem Schwarzweißbild immer noch längst nicht so sehr stört wie auf dem farbigen. Das aus dem Farbbild erworbene Wissen scheint nur einen sehr geringen Einfluss darauf zu haben, wie ich mit meinem Blick über das schwarzweiße wandere. Höchst interessant!

Dies sei soweit eine von mehreren Erkenntnissen aus meinem Schwarzweißprojekt. Zur Erinnerung: Ab und zu gehe ich zum Fotografieren mit Schwarzweiß+RAW eingestellter Kamera los und versuche so, mir die Sache mit dem Schwarzweiß besser klar zu machen.

Kirmes-Stagelights

Movingheads! Einfach nur ein paar Movingheads. Und vielleicht auch eine gewisse Lichtmenge von vorne. Das ist mein Fazit eines Abends im Kirmeszelt, als drei Coverbands um die Wette spielten.

Der Reihe nach: Ursprünglich bin ich ja ein Provinzheini und kenne Dorfkirmes bloß als lockere Ansammlung einiger Fahrgeschäfte und Fress-/Trinkbuden. Dass auf einer viel größer dimensionierten Rheinkirmes in Düsseldorf die Trinkbuden als riesige Festzelte daherkommen und die Zeltwirte zur Unterhaltung große Bühnen aufgestellt und Livemusikacts gebucht haben, hat sich aber mittlerweile sogar bis zu mir herumgesprochen. Entsprechend neugierig war ich, als ich sehr spontan von einem „Local Band Contest“ auf einer solchen Bühne erfuhr.

Zum Fotografieren nahm ich „leichtes Gepäck“ mit, also nur das 2.8er-Telezoom auf der µFT-Kamera, und ich geriet zeitlich ziemlich genau zur Ansage des ersten Acts unbehelligt an die vorderen Tischreihen vor der Bühne. Wie ich später auch einem der Bandmitglieder sagte, es ist ja schön, wenn man einfach so fotografieren kann, denn wenn irgendwer eine Akkreditierung eingefordert oder mich sonst irgendwie aufgefordert hätte, das Fotografieren bleibenzulassen, wäre ich wahrscheinlich auch kommentarlos wieder gegangen. Auch gut, wenn man sich deutlich auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren kann und dafür dann aus dem Publikum kaum seltsam angeschaut wird. Außer den Mitgereisten Freunden und Fans der Bands hielten auch noch zwei andere Fotografen, die wohl eher aus ähnlichen Gründen wie ich dabei waren, auf die Bühne drauf.

Im Gegensatz zu meiner sonstigen Musikerfotografie, wo ich mich auf Sessions begebe und eher mal Jazzer und Singersongwriter begleite, war hier natürlich partymäßige Covermusik angesagt, das Zelt ging gut mit – ein großes Volksfest halt. Die Bühne war sogar groß genug, dass ich mich vor ihr ganz gut bewegen konnte, um wesentlich unterschiedliche Blickwinkel einzufangen. Die allgemein aufgeheizte Stimmung sorgte auch für viele gute Posen bei den Musikern an ihren Instrumenten.

Und ebenfalls im Gegensatz zu den dunklen Jazzkellern und Session-Hinterzimmern, wo oft nur ein paar allzu einfarbig-getönte Scheinwerfer möglich sind, gab es hier richtig amtliches Festival-Licht, nämich außer einer großen Anzahl von farbvariablen Scheinwerfern rund um die Bühne auch ordentliche Frontlichter, die hauptsächlich nur zwischen kaltweiß und warmweiß wechselten, zwei große Backlights, die wohldosiert effektvoll aufblitzten und die eingangs erwähnten Movingheads: Dabei handelt es sich um eine Sorte von LED-Scheinwerfern, die sich drehen und neigen sowie ihr Licht in mehrere Strahlenbündel auffächern können. Nur vier von diesen Movingheads, und es ergaben sich ständig andere Bilder, wenn sie in unterschiedlichen Winkeln und Farbkombinationen vor, hinter und direkt auf die Musiker gleißten. Das 2.8er-Telezoom erwies sich als genau die richtige Wahl, denn damit kam ich auf der großen Bühne schön nah an die Musiker heran. Man konnte fast ständig weiterfotografieren, weil sich bei dem ständig wechselnden Licht irgendwie immer wieder neue Szenen ergaben. Hach!

Schon vor Ort war absehbar, dass das ziemlich gute Fotos werden würden, denn so viel Vielversprechendes habe ich schon lange nicht mehr auf der Kamera mit nach Hause genommen, und so ließ ich mir von den drei Bands ihre Kontaktadressen geben und mailte ihnen die Ergebnisse, wie ich sie in Lightroom entwickelt hatte. Durchaus erwähnenswert, denn wohl nicht alltäglich ist deshalb, dass alle drei Bands sich darauf auch bei mir zurückgemeldet haben. Und nicht nur das: Sie bedankten sich sehr, und wir erlaubten uns formlos die gegenseitige Verwendung der Bilder. Es muss ja nicht immer gleich ein drakonisches Juristenrelease sein, aber Nachfragen und sich ein Okay einholen, das gehört für mich einfach dazu. Und wenn es gegenseitig ganz relaxed gesehen wird, finde ich es sogar besonders angenehm. Wie in diesem Fall.

Großen Dank an die Bands

Die farbige Schwarzweißsesamstraße

Die folgende kleine Anekdote ist mir neulich wieder eingefallen.

Als ich ein kleiner Dötz war, hatten meine Eltern lange Zeit nur einen Schwarzweißfernseher. Meine Großeltern hatten allerdings schon länger einen Farbfernseher. Irgend eines schönen Abends blieben wir mal so lange bei den Großeltern, dass wir uns die Sesamstraße auf ihrem Farbfernseher ansahen. Natürlich kannte ich die Sesamstraße schon: Samson, Tiffi, Horst und Lilo, Herr von Bödefeld, Ernie und Bert und so weiter… aber bis dahin hatte ich alles immer nur in Schwarzweiß gesehen.

Zwei Tage später durfte ich zu Hause unseren Fernseher für die Sesamstraße einschalten, und ich bin mir bis heute sicher, dass ich diese eine Sendung in Farbe gesehen habe: Tiffy war rosa, Samson war braun, Ernie war rot und Bert war gelb. Dabei war es der gleiche Schwarzweißfernseher wie eh und je.

Zusätzlich paradox daran: Es war nur diese eine Sendung, die ich in meiner Erinnerung auf dem Schwarzweißfernseher in Farbe gesehen habe. Einen weiteren Tag später war wieder alles ganz normal schwarzweiß gewesen, und da war ich sogar noch meinen Eltern auf die Nerven gegangen, damit sie mir die Farbe wieder einschalten …leider ohne Erfolg. (Wer hätte das gedacht?)

Liebe junge Leute von heute, zum Kontext dieser Geschichte sei noch gesagt, dass es in der damaligen Zeit nicht nur schwarzweißes Fernsehen gab, sondern außerdem schaltete man auch bewusst das Gerät für eine einzelne Sendung ein und danach wieder aus.

Natürlich ist es in jeglicher Hinsicht unmöglich, dass der Schwarzweißfernseher wirklich ein farbiges Bild gezeigt haben kann, und rationale Erklärungen, wie so eine offensichtlich falsche Erinnerung zustande kommen kann, liegen auf der Hand. Aber ich nehm’s jetzt mal wieder als Beispiel für die Fotografie her, wie sehr sich Wahrnehmungen und Erinnerungen aufgrund individueller Kontexte oder Erlebnisse unterscheiden können.